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Praxiswerbung

Was ist erlaubt, was nicht?

„Schnell kommt man dazu, etwas zu tun, was nicht erlaubt ist, wenn man alles tut, was erlaubt ist.“ (Clemens von Alexandrien)

 

Ich drängele mich an einem Samstagvormittag widerwillig durch eine rappelvolle Fußgängerzone. Eigentlich bin ich auf der Suche nach einem Last-Minute-Geburtstagsgeschenk; seit bereits einer Stunde völlig erfolglos. Ich hasse diese Art Shoppingtouren, aber der Geburtstag ist nun einmal heute und da ist auch selbst auf Amazon kein Verlass mehr. Also Augen zu und durch.

 

Plötzlich springt mich eine so genannte „Beach Flag“ in giftgrün an (natürlich nur im übertragenden Sinne). Davon gibt es hunderte hier in der Stadt und eigentlich ist das absolut nichts Besonderes, stünde dort nicht in dicken lilafarbenen Lettern „NEU! Praxis für Logopädie“. Verblüfft bleibe ich stehen und schaue die Hausfassade hoch. „Wow!“, denke ich. Da war aber ein Profi am Werk. Die Beach Flag ist nur der Anfang. Ein erster Eyecatcher, wenn man so will. Nach einem aufwendig verglasten Praxisschild an der Hausfassade, entdecke ich die Praxis sofort in der ersten Etage. Die Fenster sind ebenfalls professionell gestaltet und halten allerlei Informationen bereit. Eine davon beeindruckt mich nachhaltig: „Kostenlose Terminabsagen.“ Aber das war noch immer nicht alles. Denn blickt man noch ein Stückchen weiter hoch, dreht sich auf dem Dach des Gebäudes ein recht großer Würfel in den Praxisfarben mit dem Hinweis, dass sich hier eine Logopädiepraxis befindet. Und da stehe ich nun, starre ungläubig auf die vor mir liegende Praxis und denke: „Sag mal, dürfen die das?“

 

Ich habe damals in meiner Ausbildung noch gelernt, dass Logopäden sehr eingeschränkt sind, was Werbemaßnahmen angeht. Aber was ist wirklich noch dran an diesem Mythos?

 

Für uns als Logopäden gelten hier als Heilmittelerbringer zwei Gesetze: Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) und das Heilmittelwerbegesetz (HWG), nach denen vor allem irreführende Werbung untersagt ist. Schauen wir doch mal die wichtigsten Punkte an und was sie für uns Logopäden konkret bedeuten:

 

1. Was genau ist denn irreführende Werbung?

 

Eine Irreführung liegt vor, wenn Logopäden mit einer nicht nachweisbaren Wirksamkeit von Behandlungen oder Therapiemethoden werben oder der Eindruck vermittelt wird, dass ein Therapieerfolg gesichert ist. (vgl. §3 Abs.2 HWG)

 

Bsp.: Im Flyer einer Logopädiepraxis steht folgende Aussage: „Endlich nicht mehr Stottern. Mit unserem 6 Wochen Programm in eine stotterfreie Zukunft blicken.“

 

Eine Irreführung liegt auch vor, wenn unwahre oder zur Täuschung geeignete Angaben gemacht werden. Das bezieht sich für uns vor allem auf Therapiemethoden, den Ablauf von Behandlungen oder die Personen, die diese durchführen. (§3 Abs. 3 HWG)

 

Bsp.: Auf ihrer Homepage wirbt eine Praxis mit einer speziellen Behandlungsmethode wie Castillo Morales ohne, dass die durchführenden Mitarbeiter eine entsprechende Weiterbildung haben.

 

 

2. Gutachten, Zeugnisse und Empfehlungen könnten Vertrauen schaffen, oder?

 

Eine Werbung ist unzulässig, wenn Gutachten oder Zeugnisse veröffentlicht werden oder erwähnt werden, die nicht von wissenschaftlich oder fachlich hierzu berufenen Personen erstattet worden sind. (§6 HWG).

 

Hey, betrifft uns das überhaupt? Ja, das tut es. Wir erwerben heute als Therapeuten allerlei Zusatzqualifikationen, erweitern unser Wissen, öffnen uns auch für alternative Ansätze wie Hypnose, Heilpraktik etc. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten die Praxis zertifizieren zu lassen oder Gutachten erstellen zu lassen. Alles natürlich stets im Sinne des Patienten und der Behandlungsqualität. Doch Vorsicht! Möchten wir mit unseren besonderen Qualifikationen werben, gelten strenge Spielregeln. Empfehlungen von Patienten sind übrigens durchaus erlaubt, wenn sie wortgetreu zitiert werden und nicht missbräuchlich verändert werden.

 

Bsp.: Unzulässiger Auszug aus einem Praxisflyer: „Vertrauen liegt uns besonders am Herzen. Deshalb ist unsere Praxis mehrfach ausgezeichnet als zuverlässiger Behandlungspartner bei Morbus Parkinson. Mit uns haben Sie einen starken Partner.“

 

Zulässig wäre diese Werbeaussage dann, wenn entsprechende Auszeichnungen beigefügt sind und von einer fachlich befugten Institution ausgestellt worden sind. Alle notwendigen Angaben wie Ausstellungsjahr, Ersteller mit Namen und Adresse sind dabei anzugeben.

 

 

3. Ich möchte neue Medien nutzen und Fernbehandlungen anbieten. Geht das?

 

§9 HWG verbietet das Werben mit Fernbehandlungen oder Ferndiagnosen. Die Verlockung ist groß im Zeitalter der Digitalisierung Anamnese per Telefon oder auch Diagnostiken und Behandlungen via Skype anzubieten. Ungeachtet der fachlichen Kontroverse zu diesem Thema, ist die Werbung für derlei Maßnahmen streng verboten.

 

 

4. Kann ich mit Fallbeschreibungen meine Werbung emotionaler gestalten?

 

Außerhalb von Fachkreisen darf mit Krankengeschichten oder Bildmaterial nicht geworben werden, wenn diese zur Selbstdiagnose verleiten oder missbräuchlich behandelt werden. (§11 Abs. 1 Satz 3,5). Aufgepasst also mit allzu ausführlichen Fallbeispielen auf der eigenen Homepage oder im Praxisflyer. Auch bei Imagefilmen ist dieser sehr schmale Grat dringend zu berücksichtigen.

 

 

5. Darf ich meinen Patienten Werbematerialien schenken?

 

Es kommt darauf an. Werbematerial von geringem Wert (man geht von einem Wert unter 4,99 € aus), ist zulässig. Dazu gehören beispielsweise Kugelschreiber oder Notizblöcke mit dem Praxislogo oder der Telefonnummer darauf.

 

 

6. Bis wohin muss ich Rücksicht auf die Konkurrenz nehmen?

 

Vergleichende Werbung ist in allen Branchen untersagt, vor allem dann, wenn sie die Mitbewerber oder ihre Dienstleistungen in unlauterer Weise herabsetzt. Strategisch ist es hier am besten die eigenen Stärken hervorzuheben, anstatt auf die Schwächen der anderen hinzuweisen. Was schon im Wahlkampf stets als inhaltslos empfunden wird, ist in der Werbung nicht anders. Eure Praxis steht für sich und sollte sich dementsprechend positionieren. Vergleiche mit der Konkurrenz können aber dennoch sinnvoll sein, allerdings außerhalb von Werbemaßnahmen und Öffentlichkeitsarbeit. Benchmarking ist hier das Stichwort.

 

 

7. Wie sieht es mit Telefon- und Emailwerbung aus?

 

Ja und nein. Angenommen ihr möchtet eure bestehenden und ehemaligen Patienten über eine neue Leistung informieren, die eure Praxis anbietet und von der ihr glaubt, dass sie auf großes Interesse stoßen könnte. Jetzt dazu eine gut geplante Telefonaktion zu starten ist eine tolle Idee, denn ihr seid sofort im persönlichen Gespräch, könnt Fragen beantworten und eure Erfolgschancen steigen erheblich. Für alle, die nicht so gerne telefonieren ist ein Newsletter zu dem Thema eine wunderbare Idee, um weniger aufdringlich aber dennoch ansprechend auf das neue Dienstleistungsangebot hinzuweisen. Aber darf man das eigentlich? Ja, aber… nur dann, wenn die Patienten dazu im Vorfeld ihre Zustimmung gegeben haben oder eine mutmaßliche Einwilligung vorliegt. Wer hier auf Nummer sicher gehen möchte, nimmt einen entsprechenden Absatz in seinen Behandlungsvertrag auf.

 

 

8. Ist der Hinweis auf „kostenlose Terminabsagen“ erlaubt?

 

Grundsätzlich ja. Da hier kein direkter Vergleich mit anderen Mitbewerbern vollzogen wird und es auch sonst keine einheitlichen Regelungen gibt, die den Umgang mit Terminabsagen konkretisieren, ist diese Aussage zulässig. 

 

Zurück zu unserer Ursprungsfrage: „Dürfen die das?“ Aus den zuständigen Gesetzen haben wir zwar viele inhaltliche Regelungen entnehmen können, aber reichlich wenig zu Einschränkungen bezüglich des Außenauftritts erfahren. In der Berufsordnung des Berufsverbandes dbl e.V. ist zwar eine zurückhaltende Werbung vorgegeben, allerdings betrifft dies nur Mitglieder und hat keine gesetzliche Grundlage. Das heißt: Ja, sie dürfen tatsächlich. Mythos gekillt. In den vergangenen Jahren hat sich am Heilmittelwerbegesetz eine Menge getan (zuletzt 2016) und damit gingen viele Liberalisierungen einher. Noch immer hält sich aber in unserer Berufsgruppe das Gerücht, dass Werbung eigentlich gar nicht recht erlaubt sei. Die für uns sicherlich noch immer wichtigste Richtlinie ist die, keine irreführende Werbung mit falschen Versprechen und ohne wissenschaftliche Evidenz einzusetzen. Neben dem vor allem informativen Charakter von Werbemaßnahmen ist also heutzutage auch Kreativität gefragt. Ein professionelles Design, dass sich einheitlich in allen öffentlichkeitswirksamen Bereichen wiederfindet (Corporate Design) ist dabei genauso wichtig für den Praxiserfolg wie die Wahl eines geeigneten Werbeträgers. Alles darüber hinaus bleibt, wie so oft, Geschmackssache…

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Kommentare: 2
  • #1

    Jutta Wessels (Freitag, 06 April 2018 11:00)

    Sehr interessanter Artikel!Vielen Dank dafür!

  • #2

    Sabine Rosen (Sonntag, 30 September 2018 09:02)

    Dank Dir, sehr gut gegliedert und geschrieben