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Psychische Gefährdungen beurteilen

Arbeitgeberpflicht auch für Logopäden

Gefährdungsbeurteilungen allgemein gehören schon lange zu den Pflichten von Arbeitgebern. Seit 2013 umfasst das laut Arbeitsschutzgesetz auch die Beurteilung psychischer Gefährdungen am Arbeitsplatz und den Einsatz erforderlicher Arbeitsschutzmaßnahmen (§5 Abs.1 und 2 ArbSchG). Beides muss dokumentiert werden (§6 Abs.1 ArbSchG). Doch halten sich wirklich alle Praxen daran? Und welche Konsequenzen drohen?

 

 

Lange waren logopädische Praxen mit weniger als zehn Beschäftigten von der Dokumentationspflicht ausgenommen. Doch auch das hat sich in 2013 geändert und macht das Thema für uns wieder brandaktuell. Die Reform ist nun knapp fünf Jahre her und noch immer nicht in allen Praxen umgesetzt und das trotz steigender Zahlen von krankheitsbedingten Ausfällen mit psychischer Ursache. Aber welche Konsequenzen drohen eigentlich ohne die Durchführung einer psychischen Gefährdungsbeurteilung? 

 

Knast oder Knete

Die gute Nachricht: In Deutschland sind die Konsequenzen bisher vergleichsweise harmlos. Bei einer erstmaligen Pflichtverletzung darf in den meisten Fällen nachgebessert werden. Wird eine psychische Gefährdungsbeurteilung dann noch immer nicht regelmäßig durchgeführt und dokumentiert, kann es zu einer Bußgeldstrafe infolge einer Ordnungswidrigkeit kommen. Andere europäische Länder, wie Frankreich, sanktionieren hier zum Teil deutlich härter, unter anderem auch mit Freiheitsstrafen. Eine psychische Gefährdungsbeurteilung ist aber nicht nur aus taktischen Gründen zur Strafvermeidung für Arbeitgeber attraktiv. Sie bietet auch eine ganze Reihe von weiteren Vorteilen:

 

Gute Argumente

Eine psychische Gefährdungsbeurteilung...

  • erhöht die Mitarbeiterzufriedenheit
  • senkt den Krankenstand aufgrund psychischer Belastung am Arbeitsplatz
  • stärkt die Arbeitsleistung
  • verbessert die praxisinterne Kommunikation
  • schafft eine Vertrauensbasis
  • fördert eigenständiges Denken & Handeln
  • ist ein wunderbares Aushängeschild für die Praxis als Arbeitgeber und Dienstleister

...sofern sie richtig und sorgsam durchgeführt wird.

 

Eine Kurzanleitung

Alles schön und gut, aber wie soll denn so eine psychische Gefährdungsbeurteilung in einer logopädischen Praxis überhaupt aussehen? Zunächst ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass es grundlegend zwei verschiedene Möglichkeiten gibt. Zum einen kann die Beurteilung rein intern erfolgen (durch z.B. die Praxisleitung) oder aber ein entsprechender Dienstleister in Anspruch genommen werden. Die Entscheidung hängt von Faktoren wie Praxisgröße, Teamzusammensetzung, Hierarchien, Aufgabengebieten usw. ab und sollte in jedem Fall individuell getroffen werden. Je größer die Anzahl der Beschäftigten, desto eher kann es sinnvoll sein, eine nicht betroffene externe Person als Experten dazu zu holen. Seriöse Anbieter erstellen im Vorfeld ein Angebot, sodass auch dies ein Kriterium für die eine oder die andere Variante sein kann. 

 

Ablauf

1. Vorbereitung und Planung

2. Information der Mitarbeiter

3. Erfassen der psychischen Belastungen

4. Beurteilen der psychischen Belastungen

5. Maßnahmen erarbeiten

6. Maßnahmen umsetzen

7. Wirksamkeitskontrolle

8. Ggf. weitere Anpassungen und Dokumentation

 

Instrumente

Methodisch stehen hier vor allem das Interview, der Fragebogen oder aber auch der moderierte Workshop zur Verfügung. Hier muss ebenfalls individuell entschieden werden, welche Methode für die eigene Praxis am besten geeignet ist. Ein Fragebogen ist in der Durchführung weniger zeitaufwendig, erlaubt aber auch keine Rückfragen und ist weniger kommunikativ. Im Workshop könnten Mitarbeiter gehemmt sein, psychische Belastungen vor anderen Kollegen zu äußern, dafür können bereits gemeinsam Lösungen entwickelt werden. Das Interview steht und fällt mit dem Interviewer. Hier muss eine hohe Vertrauensbasis bestehen und eine gute Schulung und Vorbereitung vorhanden sein. Inhaltlich bieten sich bei diesem Instrument sicherlich die meisten Möglichkeiten.

 

Mögliche Fragen/ Themen

  • Tätigkeit selbst (z.B. „Haben Sie Handlungsspielraum?“)
  • Arbeitsorganisation (z.B. „Arbeiten Sie unter Zeitdruck?“)
  • Arbeitsumgebung (z.B. „Ist Ihr Arbeitsplatz ausreichend beleuchtet?“)
  • Soziale Aspekte (z.B. „Werden Sie von Kolleginnen/ Kollegen unterstützt?“) 

 

Die Vorgaben für die psychische Gefährdungsbeurteilung lässt der Gesetzgeber bewusst sehr weit gefasst und schafft damit nur einen sehr geringen Orientierungsrahmen. Was zunächst als Schwäche erscheint, ist aber gerade in unserer Branche eine echte Stärke. Denn so können Instrumente und Methoden gewählt werden, die sehr konkret auf die Praxis und die Mitarbeiter zugeschnitten sind. Die Durchführung und Dokumentation kann auch in andere praxisinterne Prozesse integriert werden z.B. in das Qualitätsmanagement, wenn vorhanden, oder regelmäßige Mitarbeitergespräche. Wir sollten diese Chance für uns nutzen und mehr tun, als nur eine gesetzliche Pflicht zu erfüllen.

 

In diesem Sinne...

Download
Fragebogen zur psychischen Gefährdungsbeurteilung
Ein Fragebogen als Ideenvorlage zur psychischen Gefährdungsbeurteilung in Logopädiepraxen. Der Fragebogen wurde von mir für Logowiwi.de erstellt und darf gerne auch im Original verwendet werden.
Fragebogen PsychGefBLogo.pdf
Adobe Acrobat Dokument 68.0 KB
Download
Maßnahmenkatalog zur psychischen Gefährdungsbeurteilung
Auch der Maßnahmenkatalog wurde von mir für Logowiwi.de erstellt und darf gerne verwendet werden. Zur leichteren Handhabung ist ein Beispiel angefügt.
Maßnahmenkatalog PsychGefBLogo.pdf
Adobe Acrobat Dokument 69.8 KB

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