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Von der Physiotherapie ins Musikbusiness

Gastbeitrag von Ariane Schröder

Vor einigen Tagen hat die Anka mich angeschrieben und gefragt, ob ich Lust habe euch in einem Gastbeitrag von meinem Berufswechsel von der Physiotherapie ins Musikbusiness zu erzählen. Ich habe nicht lange überlegt und direkt zugesagt. Also viel Spaß beim Lesen 😊

 

 

 

Fangen wir mal ganz am Anfang an. Warum habe ich mich überhaupt für eine Ausbildung zur Physiotherapeutin entschieden?

 

Ein Großteil meiner Familie arbeitet im medizinischen Bereich - mein Vater ist Gastroenterologe, meine Mutter Krankenschwester. Natürlich hat meine Familie meine berufliche Entscheidung beeinflusst. Nachdem ich meine schulische Laufbahn mit dem Abgang an der Realschule beendet hatte, war ich erstmal ziemlich planlos. Da ich die Qualifikation fürs Abi nicht geschafft habe, fiel die Option eines Studiums schon mal Weg. Eine Ausbildung zur Krankenschwester oder Altenpflegerin kam für mich nicht in Frage. Die soziale und medizinische Richtung hat mich aber dennoch interessiert, also habe ich nach ähnlichen Berufsbildern geschaut und bin bei der Physiotherapie gelandet. Viele von euch wissen wahrscheinlich, dass man die Ausbildung in vielen Fällen zahlen muss und so sollte die Entscheidung für diesen Berufsweg natürlich gut überlegt sein.

 

Da man die Lehre zur Physiotherapeutin erst mit 18 Jahren anfangen kann, hatte ich noch ein knappes Jahr bis zum möglichen Ausbildungsstart. Dank eines gut vernetzten Umfelds konnte ich die Zeit mit einem Praktikum in einer physiotherapeutischen Praxis überbrücken.

Während meiner Tätigkeit in der Physiotherapie Praxis, habe ich überwiegend Aufgaben im Bereich der Anmeldung übernommen. Terminplanung, Vor- und Nachbereitung der Behandlungsräume, Pflege der Fangoecke, Hilfe bei der Abrechnung… Ich muss sagen, dass ich meiner damaligen Chefin und den Arbeitskolleginnen sehr dankbar für das große Vertrauen bin, dass ich bei so vielen Behandlungen dabei sein durfte und mir wirklich jede Frage beantwortet wurde. In meinen folgenden Berufsjahren musste ich oft feststellen, dass das nicht selbstverständlich gewesen ist.

 

Diese sehr positive Erfahrung hat mich auf jeden Fall darin bestärkt, dass der Beruf der Physiotherapeutin für mich der richtige Weg sein würde. Von April 2005 bis zum Sommer 2009 habe ich mich dann mit einigen Rückschlägen durch die Ausbildung gekämpft. Auf Grund von Streitigkeiten mit der Schulleitung, die durch eine Anwältin geklärt werden musste, durfte ich ein komplettes Jahr an die normale Ausbildungszeit dranhängen. 

Während der Ausbildung habe ich mich nicht nur durch das neue Wissen, sondern auch in meiner Persönlichkeit stark weiterentwickelt. Zur Schulzeit war ich eine sehr ruhige und introvertierte Person. Es ist mir unheimlich schwer gefallen auf fremde Menschen zuzugehen. Mich selbstbewusst vor eine Gruppe zu stellen und irgendwelche Aufgaben anzuleiten war für mich unvorstellbar. 

 

„Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit“ stand zur Begrüßung an der Schultafel und das ist definitiv ein Satz, der meine Ausbildung am Besten beschreibt. 

Habe ich mich während des ersten praktischen Einsatzes noch minutenlang vor der Tür herumgedrückt und mich völlig verrückt gemacht, bin ich am Ende der Lehre völlig selbstverständlich von Zimmer zu Zimmer gegangen. Was ich besonders genossen habe war die Zeit, die ich den einzelnen Patienten widmen konnte. 

In meinen folgenden Berufsjahren sah das leider völlig anders aus. Strenge Behandlungszeiten im 20 Minuten Rhythmus haben mir zunehmend die Freude am Beruf genommen. Besonders die Arbeit mit älteren Patienten, die auf deutlich mehr Hilfe angewiesen sind, hat mich frustriert. Nach einem halben Jahr Behandlungspause wieder von vorne anfangen zu müssen ist nicht wirklich motivierend.

 

Wie kam es zu dem Berufswechsel?

 

Irgendwann stellt man sich die Frage ob das wirklich der Sinn des Lebens sein soll, so viel Zeit seines Lebens mit einer Arbeit zu verbringen, die einen auf Grund der gegebenen Umstände nicht glücklich macht. Mich hat es auf jeden Fall dazu gebracht mich mit Alternativen auseinanderzusetzen.

 

 

Zunächst habe ich versucht einen anderen Arbeitgeber zu finden. Eine größere Praxis. Eine kleinere Praxis. Ein Therapiezentrum mit Logopäden und Ergotherapeuten. Ein Umzug vom Ruhrgebiet ins Schwabenländle. Nichts hat den gewünschten Effekt gehabt, sodass ich über einen Berufswechsel nachgedacht habe und da kam ein glücklicher Zufall ins Spiel.

Schon seit meiner frühen Jugend habe ich eine große Leidenschaft für Musik. Viele meiner Freunde und Bekannten spielen in Bands. Ich war in meiner Freizeit auf sehr vielen Konzerten und so habe ich ganz nebenbei ein kleines, aber starkes Netzwerk in der Szene aufbauen können. Kurz nach meinem Umzug von Essen nach Stuttgart habe ich auf einem Event den Geschäftsführer eines Musikunternehmens kennengelernt, der gerade eine freie Ausbildungsstelle anzubieten hatte. 

 

Es ist natürlich keine leichte Entscheidung von einem vollen Gehalt auf ein sehr bescheidenes Azubi Gehalt zurück zu fallen. Ich wäre erneut auf finanzielle Unterstützung meiner Eltern angewiesen gewesen. Nach ausgiebigen Diskussionen mit meiner Familie haben wir gemeinsam die Entscheidung für die zweite Ausbildung getroffen. Im Oktober 2014 habe ich dann die Ausbildung zur Kauffrau für audiovisuelle Medien in einer Musikfirma angefangen. 

 

Auch die zweite Ausbildung war absolut kein Zuckerschlecken. Da mein Ausbilder eine sehr schwierige Persönlichkeit hatte und es keine festgeschriebenen Vorgaben für die Ausbildungsinhalte gab, sahen meine Kollegin und ich uns mehrfach dazu gezwungen einen Termin bei unserem betreuendem IHK Mitarbeiter wahrzunehmen. Leider zeigte Dieser nicht wirklich viel Einsatz für uns, sodass wir uns allein durchboxen mussten. Da man ja immer das Positive sehen soll, bin ich auch dank dieser harten Schule nochmal stark an meiner Persönlichkeit gewachsen. Ich bin definitiv krisenfest geworden. Ich habe die Angst vor neuen Herausforderungen komplett verloren. Inzwischen habe ich keine Schwierigkeiten mehr auf fremde Menschen zuzugehen. 

 

Der Schritt in die Selbstständigkeit

 

Anschließend an meine kaufmännische Ausbildung habe ich noch ein knappes Jahr als Assistentin der Geschäftsführung in diesem Unternehmen gearbeitet. Es hat sich jedoch immer mehr herauskristallisiert, dass mein Chef und ich zu unterschiedliche Ansichten von der Arbeit im Musikbusiness haben. Für mich waren die anfallenden Tätigkeiten oft zu planlos. Ich bin ein sehr strukturierter Mensch, der versucht effektiv und zeitsparend zum Ziel zu kommen. Es ist mir wichtig auf die Wünsche meiner Kunden einzugehen und diese so gut wie möglich umzusetzen. 

 

Nach meiner Erfahrung starten die meisten Bands hobbymäßig ins Business und irgendwann kommt das Ganze in Fahrt. Die Band leckt Blut und will das Hobby auf eine professionelle Ebene bringen. Da aber oft kein Know How über das Musik Business vorhanden ist, ein gutes Netzwerk fehlt und unternehmerisches Denken für nicht so wichtig genommen wird, passieren gerade am Anfang Fehler, die teuer bezahlt werden müssen. 

Um solche Fehler in Zukunft möglichst häufig verhindern zu können, habe ich nun in diesem Jahr endlich den Weg in die komplette Selbstständigkeit gewagt. Aktuell biete ich eine Kombination von Labelservice und Consulting an. Ich übernehme für verschieden Musiklabels administrative Aufgaben und stehe bei der Promotion der Künstler mit Rat und Tat zur Seite. In Zusammenarbeit mit dem DeutschFM Webradio in Hamburg widme ich mich der Förderung von Newcomer Musiker/innen und Bands. Wir helfen beim Aufbau der Karriere und stellen unser professionelles Netzwerk zur Verfügung. 

 

Mit unserem gegründeten Verein zur Förderung deutschsprachiger Musik, veranstalten wir auch dieses Jahr wieder ein Open Air Festival, bei dem wir jungen Bands die Möglichkeit geben sich auf einer Bühne zu präsentieren. 

Ich bin gespannt was die Zukunft noch alles bringt. Aktuell bin ich so glücklich und zufrieden wie nie zuvor. Ich kann mit meinem Hobby Geld verdienen. Ich kann mir meine Zeit frei einteilen. Ich kann mit meiner Erfahrung und meinem Know How, Menschen helfen und die kleinen und großen Erfolge und Fortschritte zu sehen sind für mich viel wertvoller als das Geld, was ich in der Physiotherapie verdienen würde. 

 

 


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Kommentare: 1
  • #1

    Frauke (Montag, 13 Mai 2019 14:27)

    Sehr schön geschrieben. : )